Der HSV in Berlin. Eigentlich aber: Zinnbauer.

Auch auf die Gefahr hin, dass mich hier niemand für voll nimmt (als ob das nicht schon zuvor der Fall war): Mir tat die Niederlage bei der Hertha nicht sonderlich weh.

Ja, Niederlagen sind doof und man ärgert sich ein Stück weit über „verlorene“ Punkte. Aber: Wir reden hier über den HSV. Den aktuellen HSV. Der ist Abstiegskandidat und wird aus diesem Grund zwangsläufig mehr Niederlagen kassieren und Siege einfahren. Und wir waren uns in unserer „erfolgreichen“ Phase – nämlich in den vergangenen Wochen – einig, dass es in dieser spannenden Zeit, in der wir uns gerade befinden, und zwar neben und auf dem Feld, durchaus auch mal zu Rückschlägen kommen wird.

Die Niederlage in Berlin war so einer.

Aber juckt er mich wirklich?

Der Aufwärtstrend war in den vergangenen Wochen deutlich zu erkennen. Nicht unbedingt in den Ergebnissen, aber in der Körpersprache, im Spielverständnis, in Personalentscheidungen. Nun haben wir einmal richtig gemurkst, einen gebrauchten Tag erwischt. Und? Jetzt ist wieder alles schlecht? Nein. Umso schöner, dass nur zwei Tage später alle Zweifler und Miesepeter, die schon viel zu viel in Frage gestellt und mehr oder minder laut nach Thomas Tuchel gerufen hatten, mundtot gemacht wurden. Die Vertragsverlängerung ist ein deutliches Signal, und ein gutes dazu, wie ich meine. Die Oberen haben den Weg, den Joe Zinnbauer gehen möchte, erkannt und für richtig befunden. Es war gut und wichtig, deshalb Nägel mit Köpfen zu machen. Auch im Hinblick darauf, dass die Offiziellen des HSV wochenlang mit der einen Frage gemartert wurden: „Ist Zinnbauer nur eine Übergangslösung?“, wobei ich damit nicht gesagt haben will, dass man beim HSV unter dem Druck der Öffentlichkeit stand und Zinnbauer nur deshalb den Vertrag angeboten hat, damit Schluss mit den Nachfragen ist.

Natürlich sind nicht alle meiner Meinung – was nicht schlimm ist. Hier und da frugen Kollegen, ob denn die Laufzeit des Vertrages – bis 2016 – nicht zu lang sei. Und ob Zinnbauer denn überhaupt gerade jetzt einen Chefcoach-Vertrag vorgelegt werden musste. Letzteren Punkt habe ich schon bejaht und meine Meinung begründet. Und zur Vertragslaufzeit: Zinnbauers Vertrag als U23-Trainer lief bereits bis 2016. Und Ihr seid der Meinung, dass der HSV ihm nun eine kürzere Laufzeit – also nur bis zum Saisonende – anbieten soll? Nicht wirklich, oder? Würde so etwas irgendjemand von Euch unterschreiben? Damit nun keiner denkt, dass ich alles durch die Vereinsbrille sehe: Auch ich entdecke beim HSV noch einige Sachen, die mich stören, immens sogar. Aber: Nur wegen eines schlechten Spiels stelle ich das Gesamtkonstrukt nicht in Frage. Auch nicht, wenn mein Chef es womöglich gern hat, wenn ich für skandalträchtige Meinungen und Schlagzeilen sorge.

 

Nach dem 9. Spieltag sieht meine kleine Bilanzspielerei so aus:

 

Sp.    Gegner 2013/14          Ergebnis                   Gegner 2014/15         Ergebnis

1        Schalke 04 (A)             3:3 (1 Punkt)            1. FC Köln (A)             0:0 (1 Punkt)
2        Hoffenheim (H)          1:5 (0 Punkte)          SC Paderborn (H)      0:3 (0 Punkte)
3        Hertha BSC (A)           0:1 (0 Punkte)          Hannover 96 (A)        0:2 (0 Punkte)
4        Braunschweig (H)      4:0 (3 Punkte)          FC Bayern (H)            0:0 (1 Punkt)
5        Dortmund (A)             2:6 (0 Punkte)          M’gladbach (A)          0:1 (o Punkte)
6        Bremen (H)                  0:2 (0 Punkte)          Frankfurt (H)             1:2 (0 Punkte)
7        Frankfurt (A)               2:2 (1 Punkt)           Dortmund (A)             1:0 (3 Punkte)
8        Nürnberg (A)               5:0 (3 Punkte)         Hoffenheim (H)          1:1 (1 Punkt)
9        Stuttgart (H)                3:3 (1 Punkt)           Berlin (A)                     0:3 (0 Punkte)

————————————————————————————————————————————

9                                             20:22 (9 Punkte)                                               3:12 (6 Punkte)

Vergleich: Der HSV steht aktuell 3 Punkte und sieben Tore schlechter da als in der vorigen Saison.

 

Platzierung nach dem Spieltag:
2013/14: 15
2014/15: 16

Veränderung: ein Platz schlechter

 

Sp.    Mannschaft                                2013/14                    2014/15

1         Nürnberg/Köln* (A)                      5:0 (3 Punkte)           0:0 (1 Punkt)
2         Braunschweig/Paderborn (H)    4:0 (3 Punkte)           0:3 (0 Punkte)
3         Hannover 96 (A)                            1:2 (0 Punkte)            0:2 (0 Punkte)
4         FC Bayern (H)                                 1:4 (0 Punkte)            0:0 (1 Punkt)
5         M’gladbach (A)                               1:3 (0 Punkte)            0:1 (0 Punkte)
6         Frankfurt (H)                                  1:1 (1 Punkt)              1:2 (0 Punkte)
7         Dortmund (A)                                 2:6 (0 Punkte)            1:0 (3 Punkte)
8         Hoffenheim (H)                              1:5 (0 Punkte)            1:1 (1 Punkt)
9         Berlin (A)                                         0:1 (0 Punkte)            0:3 (0 Punkte)

————————————————————————————————————————-

9                                                                 15:22 (7 Punkte)           3:12 (6 Punkte)

Veränderung: Der HSV steht aktuell 1 Punkt und 2 Tore schlechter da als in der vorigen Saison.

 

*Köln ersetzt in diesem Vergleich Nürnberg, Paderborn Braunschweig.

Advertisements

Habt Geduld mit Zinnbauer

Der HSV hat einen neuen Chefcoach. Josef Zinnbauer, der erst in dieser Saison die U23 übernommen hatte und diese zu einem Spitzenteam der Regionalliga Nord geformt hat, ist „bis auf weiteres“ der neue starke Mann.

„Bis auf weiteres“ kann so vieles bedeuten. Im Idealfall „bis zu seiner Rente“. Aber auch „bis wir einen besseren Trainer gefunden haben“. Alles ist drin.

Dennoch: Dass der HSV sich so schnell und auch in dieser Weise entschlossen hat, den Posten zu besetzen, freut mich. Ich erinnere mich an die eine oder andere Sportdirektor- oder Trainerfindungskommission, die Monate oder gar Jahre andauerte. Nun hat man sich binnen weniger Stunden entschieden – dies ist übrigens etwas, was ich mir schon an späten Sonntag vergangener Woche erhofft hatte, für den Fall, dass Mirko Slomka tatsächlich rasiert wird: eine schnelle Lösung.

Nach einiger Zeit des darüber Nachdenkens komme ich zu dem Schluss, dass ich die Entscheidung, Joe Zinnbauer zu installieren, gar nicht so übel finde.

Was man so über ihn liest (und man von guten Kollegen, die ihn näher kennen, so hört), klingt gut. Zinnbauer scheint ein Motivator mit einer Spielidee zu sein, der darüber hinaus viel mit seiner Mannschaft spricht. Das hat und hatte man nicht oft beim HSV. Ich bin gespannt, ob die Herren Kicker ihn annehmen. Sie täten gut daran, denn ich glaube, dass er sie taktisch und mental fitter machen kann.

Auch aus finanzieller Sicht ist die Entscheidung gut. An Abfindungen wird man für Slomka und seine Entourage genug zahlen. Da freue ich mich, dass der HSV nicht schon wieder irgendeinen arrivierten Trainer aus irgendeinem Vertrag herauskauft, sondern eine interne Lösung gefunden hat. Ja, Josef Zinnbauer ist ein Bundesliganeuling. Aber das waren Thomas Tuchel, Markus Gisdol und Christian Streich vor ein paar Jahren auch. Und was hat Pep Guardiola eigentlich vor seinem Trainerengagement in Barcelona so gemacht? Novizen müssen also nicht immer die schlechteste Lösung sein.

Ich bin gespannt, wie sich das Ganze entwickelt und hoffe, dass die Fans Josef Zinnbauer die nötige Zeit geben, die Mannschaft zu entwickeln. Niederlagen werden kommen und nicht zu verhindern sein, gerade in den nächsten Wochen.

Wenn alle Seiten ein wenig Geduld mitbringen, kann es wieder bergauf gehen.