Spitzenspiel, vor der Tür stehend.

Auch nicht so übel.

Normalerweise passiert es dem gemeinen HSV-Fan eher zu Saisonbeginn, beziehungsweise dort ist die Chance am allergrößten, dass eine Begegnung, in der sein blau-weiß-schwarzer Verein mitspielt, zum Spitzenspiel ausgerufen wird.

Nun steht der 26. Spieltag an – und ein Spitzenspiel vor der Tür. Und der HSV ist ein Teil dessen.

Spitze – was ist das eigentlich? Dass der HSV am vergangenen Wochenende einen für mich unerwarteten und nicht eingeplanten Sieg eingefahren hat, finde ich beispielsweise spitze. Weniger spitze war die Art und Weise, wie der Sieg zustande kam. Nämlich nicht überzeugend. Immerhin: Mein Artjoms Rudnevs, den – ich betone es gern – ich auch in Zeiten der Krise stets für einen saustarken Stürmer gehalten habe, hat ein wahres Traumtor geschossen. Das war wieder äußerst spitze. Aber ich schweife ab.

Bundesliga-Spitze, das bedeutet für mich das obere Tabellendrittel. Am kommenden Samstag treffen sich im Volkspark zwei Teams aus ebendieser: Der HSV ist Vierter, der FC Augsburg Sechster. Der Rückrundentabelle. Die wiederum hat für mich in Sachen Form eine deutlich höhere Aussagekraft als die Gesamttabelle, auch wenn letztere natürlich am Ende entscheidend ist.

Die viertbeste Rückrundentruppe empfängt also die sechstbeste. Was bedeutet das? Nun, für mich: Ein Heimsieg ist nicht selbstverständlich. Falls es dennoch mit einem Sieg gegen die Augsburger hinhauen sollte, glaube ich sogar wieder ein bisschen daran, dass Platz sechs erreicht bzw. gehalten werden kann. Denn das Restprogramm ist: in Ordnung. Gut, gegen die Bayern, Schalke und Leverkusen muss man damit rechnen, dass man am Ende den Kürzeren zieht.

Aber dann sind da noch weitere fünf Partien, in denen es gegen Mannschaften geht, vor denen man sich nicht verstecken muss. Schon gar nicht, wenn man so einen Dusel hat wie kürzlich. Zuhause gegen Freiburg, Düsseldorf und Wolfsburg, in Mainz und Hoffenheim – da darf gern gewonnen werden. Mit diesen 18 Punkten (der Dreier gegen Augsburg ist da schon eingerechnet) hätte der HSV am Ende 56 Zähler. Ein Wert, der in der vergangenen Saison locker zum Erreichen eines internationalen Wettbewerbs gereicht hat.

Doch ganz egal, ob es am Ende reichen wird oder nicht: Allein die Tatsache, dass ich zu diesem Zeitpunkt der Saison noch rechnen und dabei nach oben schielen darf, stimmt mich froh. Es gab auch mal andere, viel schlechtere Zeiten. Und die sind noch gar nicht so lange her.

Europa, wir kommen. Nicht. Oder: doch.

Wo soll ich nur anfangen?

Wenn ich wirklich jeden einzelnen Punkt aufzählen würde, der mir am Auftritt des HSV in Hannover nicht gefallen hat, hättet Ihr an diesem Blogeintrag vermutlich eine Stunde zu lesen. Das möchte ich Euch und mir ersparen. Deshalb belasse ich es bei den schlimmsten:

1.) Der blutleere Auftritt vor dem Hintergrund, dass Hannover eigentlich konditionell unterlegen hätte sein müssen.

Wenn ich als Profi weiß, dass mein Gegner ein schweres Europapokalspiel in den Knochen stecken hat, renne ich mir die Lunge aus dem Leib, zermürbe ich ihn, indem ich immer schon da bin, wo er erst noch hin will – und zwar so lange, bis er die Schnauze voll hat und resigniert und mir das Feld und damit die Punkte überlässt. Stattdessen waren es die 96er, die ihre Gegner oftmals überrannt haben und oft den berühmten Schritt eher am Ball waren. Der HSV agierte, als ob er am Donnerstagabend gegen Machatschkala gespielt hätte. Ich glaube, dass das eine Kopfsache ist. Wie so häufig, wenn man mal einen Big Point machen könnte, wird versagt. Diesmal, meine ich, hat man Hannover unterschätzt. „Die sind kaputt, wir ausgeruht, das Ding läuft schon von selbst.“ Für mich eine der Todsünden des Fußballs.

2.) Die glasklare Fehlentscheidung des Schiedsrichters in der Elfmeterszene.

Sergio Pinto wird steil geschickt, René Adler verlässt seinen Kasten und setzt seinen Körper ein, um die Torchance zu vereiteln. Ein Pfiff, ein Blick zum Schiri – Elfmeter. So weit, so gut. Doch dann? Schiedsrichter Knut Kircher lässt die Gelbe Karte in der Tasche! Warum? Hätte er sie doch nur unserem Keeper gezeigt. Es wäre seine fünfte gewesen, und Adler hätte pausieren müssen. Es war dem guten Mann im gesamten Spiel anzusehen, dass er nicht im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte ist und seine Verletzung offensichtlich noch nicht auskuriert hat. Die Folge: eine ganz, ganz schlechte Leistung an diesem Samstagnachmittag. Ich hätte mich über eine erneute Zwangspause Adlers gefreut. So hätte er nochmals Gelegenheit, seine Verletzung vernünftig auszukurieren. Und dass er einen guten Vertreter hat, hat man in der Partie gegen Mönchengladbach gesehen.

Es gab aber auch noch Erfreuliches an diesem Spieltag. Auch wenn ich nicht zu der Sorte Fan gehöre, die sich am Leid anderer ergötzen: Es gibt Vereine, die noch höher verloren haben. So sind wir in der Ewigen Tabelle ein Stück näher – nämlich ein Tor – an die Grün-Weißen aus Dingsda herangerückt. Weiter so, Jungs.

Und für die, die immer noch von Europa träumen (Lest bitte meinen Blogeintrag von 18. Februar: Ich gehörte nicht zu denen.): Wir stehen auf Platz sechs – dass muss man nach einem 1:5 auch erst mal schaffen – und sind damit im oberen Tabellendrittel. Immer noch. Und da bei einer bestimmten, nicht unwahrscheinlichen Konstellation im DFB-Pokalfinale sogar Bundesligatabellenplatz sieben zum Erreichen des internationalen Geschäfts reicht, können wir ja schon mal im Internet nach günstigen Übernachtungsmöglichkeiten in Galati, Lwiw etc. suchen.

Europa und die Neuen.

Nein, ich werde nicht anfangen zu träumen.
Hier in Hamburg, beim HSV, ist es verboten, über „Europa“ nachzudenken. Und noch bin auch ich nicht so weit.  Ich würde frühestens darüber nachdenken, ob es eventuell tatsächlich klappen könnte, Platz sechs zu erreichen, wenn:
1.)  am kommenden Wochenende gegen Hannover 96 gewonnen wird.
2.)  am darauffolgenden Wochenende gegen Greuther Fürth gewonnen wird.
Dann nämlich hätte die Nummer eins im Norden vier Spiele hintereinander den Platz als Sieger verlassen – bei einer solchen Serie, einem damit herausgearbeiteten, kleinen Punktepolster auf den Siebtplatzierten und nur mehr zehn Spielen vor der Brust muss es zumindest theoretisch in Betracht gezogen werden dürfen, dass sich der HSV für das internationale Geschäft qualifiziert.
Zumal die Spieler selbst Blut geleckt haben. Der derzeit verletzte Innenverteidiger Michael Mancienne twitterte neulich so etwas wie „Europe, here we come“ – vor der Partie gegen Mönchengladbach, wohlgemerkt. Und Rafael van der Vaart verriet nach eben dieser Begegnung: „Natürlich schaue ich auf die Tabelle.“
Überhaupt macht es derzeit mal wieder richtig Spaß, HSV-Anhänger zu sein. Denn die Zukunft ist zwar nicht rosig, doch die nächste Saison verspricht jetzt schon einiges. Tolle „Neue“ zum Beispiel: Als Zugänge stehen schon vier Spieler fest, auf die ich mich freue. Paul Scharner kehrt von Wigan Athletic zurück und wird darum kämpfen, der Mann neben Heiko Westermann in der Innenverteidigung zu werden. Als seine Konkurrenten sehe ich Michael Mancienne und Slobodan Rajkovic. Dass Jeffrey Bruma noch eine Rolle beim HSV spielen wird, glaube ich nicht.  Seine Ausleihzeit läuft aus, und er hat sich in der jüngsten Vergangenheit nicht gerade für einen Vertrag beworben.
Jonathan Tah, dieser Bär von einem Mann mit gerade einmal 17 Lenzen, darf mit den Profis trainieren und erste Erfahrungen im Profibereich einholen. Eingesetzt werden soll der Innenverteidiger aber zunächst noch in er U23. Meine Prognose: Der wird mal einer. Vielleicht bekommt er in der Rückrunde ein paar Einsätze.
Kerem Demirbay kommt vom Dortmunder Nachwuchs und ist mit einem Vierjahresvertrag ausgestattet worden. Es gibt einige, die behaupten, dass die Tatsache, dass man sich diesen Mann schnappen konnte, den BVB mehr geärgert hat als die beiden Niederlagen in der Bundesliga. Bei so viel Lob ist die Vorfreude groß, auch wenn ich noch nicht recht weiß, welchen Spieler aus dem aktuellen Kader Demirbay verdrängen soll.
Schließlich und endlich kommt Hakan Calhanoglu vom KSC zurück. Zurück? Ja. Eigentlich gehört der uns längst, wir haben ihn nur nochmal verliehen, damit er noch ein wenig reifen kann. Aber Achtung: Neulich hatte er eine Formkrise: In der Partie gegen Arminia Bielefeld war der offensive Mittelfeldspieler mal an keinem Tor beteiligt! Gibt’s doch nicht. Im Ernst: Der Spieler ist ein Juwel, vielen Dank, Herr Arnesen. (Ja, ich war schon immer davon überzeugt, dass die Arbeit Arnesens besser ist als ihr Ruf.)
Und wenn nun auch noch international gespielt werden darf… Ich kann es kaum erwarten, meinen Söhnen, die mit Ach und Krach die Bundesligatabelle kapiert haben, nun auch noch zu erzählen, „wie Europa geht“. Wie erwähnt: Es macht wieder Spaß, ein HSV-Fan zu sein.
Noch vor einem Jahr hätte ich nicht geglaubt, diesen Satz in einen Blog zu tippen. Und das liegt nicht daran, dass ich damals noch keinen hatte.