Freunde

Da habe ich ja etwas angerichtet. Gestern abend um kurz vor acht stellte ich drüben bei Twitter die Frage, ob jemand ebendort Freunde, wirkliche Freunde gefunden hat.

Ich war überrascht über die hohe Anzahl der Reaktionen. Nicht im Leben hätte ich damit gerechnet, dass sich so viele Twitterer melden. So kam es, dass ich vielen nur ganz knappe Antworten auf ihre Replies – oder sogar nur Sternchen – habe zukommen lassen können.

Nicht weiter verwunderlich war, dass diese Antworten sehr vielfältig waren. Von einem knappen „Ja“ bzw. „Nein“ bis hin zu regelrechten Abhandlungen über den dank Twitter neu geschaffenen Freundestatus war alles dabei. Dafür danke ich Euch.

Jeder definiert „Freunde“ anders. Für mich müssen Freunde erstmal Grundsätzliches erfüllen wie:
– Ich muss sie mindestens einmal in natura gesehen haben.
– Ich muss ihre echten Namen kennen.
– Ich muss mich mit Ihnen über mehr als nur ein Thema (meinetwegen Fußball) unterhalten können, und zwar sowohl ernst als auch jovial.

Darüberhinaus muss sich ein gewisses Gefühl einstellen. Ich muss dem Freund oder der Freundin alles erzählen können, was ich möchte. Und ich möchte das auch dürfen. Zur Not zu jeder Tageszeit. Ich muss fühlen, galuben, wissen, dass diese Person bereit wäre, Dinge für mich zu tun, die ein „Bekannter“ eben nicht mehr machen würde. Nur dann kann sich in meinen Augen Freundschaft entwickeln. Dabei ist es für mich irrelevant, wie lange man jemanden kennt.

Ich twittere, das habe ich eben schnell nochmal nachgesehen, seit Oktober 2010. Meistens mit sehr viel Freude. Teilweise kotzt einen seine eigene Timeline an. Aber wie gesagt: Die Freude überwiegt. Ich glaube, dass viele genauso denken wie ich: Twitter, ohne es glorifizieren zu wollen, hat mein Leben verändert.

Als ich meinen Tweet gestern abgesetzt hatte, tat ich das auch in dem Bewusstsein, dass ich die darin gestellte Frage verneinen würde. Je mehr Antworten kamen, desto mehr dachte ich aber darüber nach, und desto unsicherer wurde ich mir.

Plötzlich fiel mir immer mehr ein, was ich durch Twitter erlebt habe. Auch hier ist die Bandbreite enorm: Purer Hass, der einem entgegenschlug, und elitäres Geseier auf der einen Seite. Spaß, Freude und gute Gespräche auf der anderen Seite. Berufliche Kontakte, die ich geknüpft habe. Und dann die vielen Treffen mit Menschen, die man ohne Twitter nie kennengelernt hätte. Unvergessliche Abende. Und ja: eine ganze Reihe von tollen Erlebnissen, die ich durch Twitterer hatte, die aber tatsächlich nichts mehr mit Twitter zu gehabt haben, sprich: Es wurden die oben beschriebenen Dinge für mich getan, die „Freunde“ von „Bekannten“ unterscheiden.

Deshalb: Ja, auch ich habe dank Twitter Freunde gefunden.

Vielleicht wissen sie es nicht, weil ich es ihnen bislang nicht deutlich genug gezeigt habe. Wie denn auch? Ich wurde mir dessen augenscheinlich ja selbst erst jetzt so richtig bewusst. Ich gelobe Besserung.

(War das jetzt zu pathetisch? Dann folgt mir einfach nicht mehr, ihr Spacken. 😄)

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7 Gedanken zu “Freunde

  1. Mir ist da Heiligabend was passiert, was hier ganz gut passt: Beim Geschenk für meine Mama war kein HDMI-Kabel dabei. Ich äußerte meinen Unmut über Twitter. Und dann meldete sich tatsächlich jemand, den ich als „guten Bekannten“ beschrieben hätte, und meinte, er hätte noch ein Kabel rum liegen, ob er es vorbei bringen solle. Musst du dir mal vorstellen: Da unterbricht er den Heiligabend im Kreise seiner Familie, lässt die Kinder alleine weiterspielen, um mir ein Kabel zu bringen. Ich war sehr gerührt ob dieser Hilfsbereitschaft und wenn ich mir jetzt deine Kriterien für „Freund“ durchlese, würde ich sagen, ich kann bei dem Twitterer (und tatsächlich auch noch bei weiteren) hinter alle Punkte einen Haken setzen :)

  2. Ich habe deinen Ausgangs-Tweet von gestern erst heute kurz gesehen und dachte, ich brauch da nicht mehr zu antworten, da ja die klare Tendenz in dieselbe Richtung geht wie bei mir auch. Ja, auch ich habe schon Freunde und gute Bekannte kennenlernen dürfen. Vor allem der #tpus hat mir viele neue liebe Menschen beschert und ich konnte mir so einen neuen Kreis an Leuten aufbauen. Da ich erst spät hierher gezogen bin und mit Familie entsprechend eingebunden bin, habe ich mich schon schwer getan, neue Menschen kennenzulernen. Hier hat mir der Twitter-Stammtisch enorm geholfen und ja, ich würde auch sagen, dass ich Leute getroffen habe, die den von dir oben genannten Kriterien entsprechen. Daher: Ich finde Twitter toll!

  3. Ich hab da gesternabend, als Du das fragtest, schon mal drüber nachgedacht, das ausführlicher anzugehen.

    Einmal finde ich es echt schwierig, diese dann bewußte Trennung vorzunehmen. Ich kann das nicht völlig abgrenzen. Für mich (!) sind „Freunde“ die, mit denen ich auch über persönliches, ernstes, intimes reden kann, UND denen ich mich emotional nahe fühle (sonst wären ja Therapeuten automatisch Freunde). Menschen, denen ich vertraue, dass sie das Wissen aus solchen Gesprächen nicht irgendwie gegen mich verwenden.

    Eine Freundin, die sich bei Twitter fand, (sic!) sagte neulich sinngemäß, „wenn man durch das Adressbuch scrollt, den Namen liest und lächeln muss“…

    Es gibt drei, vier Menschen, die ich via Twitter kennenlernte, denen ich vertraue, zwei, drei mit denen ich über fast* alles reden kann (*Ich glaube, es gibt schlicht kaum diese *eine Person*, mit der man über wirklich *alles* reden kann. Irgendein Thema spart man immer aus. Und sei es nur über das Verhältnis zueinander).
    .
    Es gibt noch viel mehr, mit denen mich mehr verbindet, als Twitter, mit denen ich mich gerne treffe, rede, Spaß habe… Sind das – weil wir nicht über alles reden (oder es noch nicht passiert ist) – nur Bekannte? Hm. Für mich sind das Freunde. Nicht die weltbesten herzallerliebsten megaengen…aber Freunde.

    Bekannte… Bekannte sind Menschen, die man auf Partys anderer trifft, denen man zunickt, „hi, prost“. Weitergehen. Wenn Bekannte fehlen, fällt das (mir) nicht auf. Wenn Freunde fehlen schon. Und das ist vielleicht das irritierende an dieser gigantischen Wolke von Menschen um einen Rum, die man sich in seiner Timeline so hinstellt. Da sind verdammt viele drin, deren Fehlen auffällt.

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