Der HSV gegen Leverkusen

Wenn man aus einer Partie, die so geführt wurde, wie das Spiel HSV gegen Leverkusen eben geführt wurde, als Sieger hervorgeht, dann sagt man wohl so etwas wie: „Das war mal eine kampfbetonte Partie“ oder eventuell auch „So macht Fußball Spaß“. Bayer-Trainer Roger Schmidt und -Sportdirektor Rudi Völler hatten andere Worte gefunden. „Am Ende der ersten Hälfte war es mehr Treibjagd als Fußball. Wie Hamburg hier spielen wollte, war von der ersten Sekunde an klar zu sehen. In den ersten fünf Minuten waren schon Fouls dabei, die überaus aggressiv waren, die durchgewunken wurden“, sagte Schmidt. „Von der ersten Minute war das nicht nur ein Spießrutenlaufen für Hakan, der Schiri hätte uns besser schützen müssen“, erzürnte sich Völler.

Abgesehen davon, dass ich Schmidt bezüglich seiner Aussage, dass von der ersten Sekunde an klar zu sehen war, wie der HSV hier spielen wollte (nämlich so, dass die Punkte in Hamburg bleiben und einem Abstiegskandidaten entsprechend eher kampfbetont als mit spielerischen Mitteln zum Ziel kommen wollend – was erwartet der Herr denn?) zustimme, bin ich persönlich anderer Meinung, nämlich der, dass es weniger eine Treibjagd als eine von beiden Seiten kompromisslos geführte Partie gewesen ist. Und was Rudi Völler angeht: Diesen Menschen verstehe ich schon längst nicht mehr. Rudi war früher ein Vorbild, ein Idol, einer, wegen dem man als Kind abends heimlich aus dem Zimmer geschlichen ist und durch einen Türspalt hindurch und unbemerkt von den Eltern ein paar Minuten Deutschland geguckt hat. Eben, weil Rudi mitgespielt hat. Heute kann ich mich für diesen Mann nur noch fremdschämen. Wenn ich höre, dass „der Schiri uns besser schützen müsste“, frage ich mich wo er hingesehen hat, als Toprak Lasogga in den Rücken gesprungen ist, als Spahic in die Knöchel diverser HSV-Spieler sprang. Oder war es umgekehrt? Und ganz nebenbei: Wer einen Mann wie Donati in seinen Reihen hat, der mehrere Sekunden nach dem Schiedsrichterpfiff wie ein wildgewordener Ochse einen Gegner umpflügt, sollte sich nicht über harte Gangarten beschweren, sondern zunächst einmal sein eigenes Treiben hinterfragen. Das aber wiederum ist nun wirklich keine Eigenschaft, die man Rudi Völler zuschreiben kann. Schön insofern, dass er sich nicht verbiegt und sich stattdessen treu bleibt.

Darüber hinaus müssen sich Schmidt und Völler fragen, welchen Anteil ihr Verein an einer eventuell vergifteten Atmosphäre auf den Rängen und womöglich auch auf dem Feld hat. Als Stichworte werfe ich da mal das gesamte Gebahren bei den Transfers von Levin Öztunali und Hakan Calhanoglu in den Raum (wobei nahezu jeder HSVer betont hat, dass es kein „Rache wegen Calhanoglu“-Spiel war, sondern einzig darum ging, drei Punkte in Hamburg zu behalten, es Spielern und Trainer also vollkommen egal war, ob der Gegner nun Leverkusen oder Klein-Kleckersdorf hieß).

Leverkusen hat verloren, weil das gesamte Team an diesem Tag keine Eier in der Hose hatte. Weil es den Kampf nicht angenommen hat, wie es einer Spitzenmannschaft würdig gewesen wäre. Und weil beim HSV Einstellung und Tagesform passten – ein seltenes Gut in dieser Saison.

Natürlich gibt es auch etwas, was mir beim HSV nicht gefiel. Hier muss und möchte ich Josef Zinnbauer nennen, der nach der Rudelbildung vor Ende der ersten Spielhälfte wie ein HB-Männchen herumsprang und in Richtung Roger Schmidt krakeelte. Zwar bin ich sicher, dass er allen Grund dazu gehabt hat, dennoch sollte er in einer solchen Situation – auch als Vorbild und Wegweiser für seine Spieler – seine Nerven besser im Griff haben, Emotionen hin oder her. Mit Aktionen wie solchen bringt er den HSV kein Stück weiter, noch wirkt er in irgendeiner Weise deeskalierend. Ein schlechter Schiedsrichter hätte ihn womöglich auf die Tribüne gesetzt, worüber sich Zinnbauer nicht hätte beschweren dürfen. Doch das war im Grunde alles, was mich störte. Und sowieso überwog die Freude darüber, dass Zinnbauer seine Mannschaft wieder saustark eingestellt hat und die richtige Taktik gewählt hat. Wenn sogar Spieler wie Marcell Jansen dahin gehen, wo es wehtut (und das letztlich zum Erfolg führt), hat er schon mehr geschafft als viele seiner Vorgänger. Das schwache Spiel bei der Hertha scheint doch nur ein Ausrutscher gewesen zu sein.

Gegen den FC Bayern, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen – drei Teams, die sicher zu den sechs besten der Liga zählen – haben wir sieben Punkte geholt und sind dabei ohne Gegentor geblieben. Das ist Fakt und etwas, worauf sich aufbauen lässt. Jetzt gilt es, sich etwas gegen spielschwächere und auf Konter lauernde Teams einfallen zu lassen. Gelingt das, und eventuell sogar bald, könnte ich mir vorstellen, dass wir die Klasse in dieser Saison nicht erst im Rückspiel der Relegation halten werden.

 

Sp.    Gegner 2013/14          Ergebnis                   Gegner 2014/15         Ergebnis

1        Schalke 04 (A)             3:3 (1 Punkt)            1. FC Köln (A)             0:0 (1 Punkt)
2        Hoffenheim (H)          1:5 (0 Punkte)          SC Paderborn (H)      0:3 (0 Punkte)
3        Hertha BSC (A)           0:1 (0 Punkte)          Hannover 96 (A)        0:2 (0 Punkte)
4        Braunschweig (H)      4:0 (3 Punkte)          FC Bayern (H)            0:0 (1 Punkt)
5        Dortmund (A)             2:6 (0 Punkte)          M’gladbach (A)          0:1 (o Punkte)
6        Bremen (H)                  0:2 (0 Punkte)          Frankfurt (H)             1:2 (0 Punkte)
7        Frankfurt (A)               2:2 (1 Punkt)           Dortmund (A)             1:0 (3 Punkte)
8        Nürnberg (A)               5:0 (3 Punkte)         Hoffenheim (H)          1:1 (1 Punkt)
9        Stuttgart (H)                3:3 (1 Punkt)           Berlin (A)                     0:3 (0 Punkte)
10      Freiburg (A)                 3:0 (3 Punkte)        Leverkusen (H)           1:0 (3 Punkte)

————————————————————————————————————————————

10                                           23:22 (12 Punkte)                                            4:12 (9 Punkte)

 

Vergleich: Der HSV steht aktuell 3 Punkte und neun Tore schlechter da als in der vorigen Saison.

 

Platzierung nach dem Spieltag:
2013/14: 12
2014/15: 14

Veränderung: zwei Plätze schlechter

 

Sp.    Mannschaft                                2013/14                    2014/15

1         Nürnberg/Köln* (A)                      5:0 (3 Punkte)           0:0 (1 Punkt)
2         Braunschweig/Paderb.* (H)       4:0 (3 Punkte)           0:3 (0 Punkte)
3         Hannover 96 (A)                            1:2 (0 Punkte)            0:2 (0 Punkte)
4         FC Bayern (H)                                 1:4 (0 Punkte)            0:0 (1 Punkt)
5         M’gladbach (A)                               1:3 (0 Punkte)            0:1 (0 Punkte)
6         Frankfurt (H)                                  1:1 (1 Punkt)              1:2 (0 Punkte)
7         Dortmund (A)                                 2:6 (0 Punkte)            1:0 (3 Punkte)
8         Hoffenheim (H)                              1:5 (0 Punkte)            1:1 (1 Punkt)
9         Berlin (A)                                         0:1 (0 Punkte)            0:3 (0 Punkte)
10       Leverkusen (H)                              2:1 (3 Punkte)             1:0 (3 Punkte)

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10                                                              17:23 (10 Punkte)          4:12 (9 Punkte)

Veränderung: Der HSV steht aktuell 1 Punkt und 2 Tore schlechter da als in der vorigen Saison.

 

*Köln ersetzt in diesem Vergleich Nürnberg, Paderborn Braunschweig.

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2 Gedanken zu “Der HSV gegen Leverkusen

  1. Mir hätte es gut gefallen, wenn ein paar „echte Kerle“ bei meinem VfB mitgespielt hätten und so den Wolfsburgern ein bisschen auf den Zahn gefühlt hätten. Anstatt dessen geht der VfB gepflegt mit 0:4 unter:
    http://vertikalpass.de/steh-auf-du-memme/

    Bei mir ist es nicht anders als bei Rudi und bei Dir (wenn ich mich mit Euch vergleichen darf): Jeder hat seine Vereinsbrille auf und hat eine spezielle Sicht der Dinge. Stuttgart hat jedenfalls eine brave Mannschaft, Leverkusen eigentlich auch und dass der HSV ist giftig ist, war mir neu. Aber das brauchts, um Punkte gegen vermeintlich Bessere zu holen. Macht ja nicht weiter so ;-)

    • Glaub mir, in dieser Qualität ist das beim HSV auch völlig neu. Ich schiebe das auf die neuen Männer, die das Sagen haben. Einen „van Bommel für Arme“ haban wir so noch nicht gehabt – jetzt haben wir Behrami, der halb Europa angeboten wurde und den niemand haben wollte. Aber nicht nur Kämpfer sind da: Einen laufstarken, spielintelligenten Ballverteiler hatten wir wahrscheinlich seit Okonski nicht. Nun haben wir Holtby, und zwar fest. Zudem ist ein gesunder Nicolai Müller eine echte Bereicherung. Gut auch, dass sie den Popo in der Hose hatten, sich für die Lösung Zinnbauer zu entscheiden, wenn eventuell auch ein wenig aus monetären Gründen. Ich freue mich auf den „neuen HSV“, auch wenn ich weiß, dass es bis zu einem mittelmäßigen Team noch ein langer Weg ist.

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