Schmerzen als Chance.

Eine Verletzung, eine schwere dazu, ist nun wahrlich nichts, worüber man sich freuen sollte.

Der Verletzte an sich freut sich nicht, hat er ja nun mal Schmerzen. Und nebenbei allerlei Umstände, je nach Art und Schwere der Verletzung: Menschen, die sich beide Arme gebrochen haben, können zum Beispiel nicht mal aufs Klo, bzw. vielleicht das – aber die Hose zuknöpfen geht nicht mehr ohne fremde Hilfe.

Verletzt sich ein Fußballprofi, sollte man meinen, dass sich eventuell ein paar Leute freuen dürfen. Seine Kritiker beispielsweise, die schon damals seinen Kauf nicht gutgeheißen hatten. Spieler anderer Vereine, die in der Zeit, in der der Verletzte nun verletzt ist, gegen diesen seinen Verein spielen und sich nun nicht mehr mit dem Gedanken daran herumplagen müssen, wie sie den nun Verletzten stoppen können. Fans anderer Vereine, die dem Verein des Verletzten eh die Pest an den Hals wünschen. Mitspieler, die in der vergangenen Zeit zu wenig Einsatzzeiten bekommen hatten, weil der damals noch unverletzte Jetzt-Verletzte in den Augen des Trainers wichtiger war und deshalb statt ihrer auf dem Feld stand. Sie alle tun gut daran, sich aus Gründen des Respekts und des höflichen Umgangs miteinander (wir sind ja alle Menschen) nicht über die Verletzung zu freuen.

Ich aber freue mich – ein ganz, ganz klitzekleines bisschen – darüber, dass Rafael van der Vaart jüngst verletzt wurde.

Eigentlich schäme ich mich fast ein wenig dafür, dass ich so denke. Allerdings, so möchte ich mich rechtfertigen, ist es mitnichten so, dass ich dem kleinen Engel per se Schmerzen oder ähnlich Schlimmes wünsche. Da möge man mich nicht falsch verstehen. Es ist nur so, dass ich mich über die Auswirkungen dieser Verletzung freue. Van der Vaart laboriert nun an angerissenen Bändern und wird dem HSV rund vier Wochen fehlen. Wir sehen den Mann also praktisch erst Mitte Januar oder was weiß ich, wann der HSV nach der Winterpause wieder mit dem Training beginnt, auf dem Rasen. Dass er es noch vor Weihnachten wieder in den Kader schafft, halte ich Stand heute für ausgeschlossen. Für seine Mannschaft – und deshalb, und nur deshalb, freue ich mich über diese Verletzung – kann das eine Riesenchance sein.

Als Rafael van der Vaart von Sky du Mont Klaus-Michael Kühne gekauft und an den HSV weiterverschenkt wurde, habe ich mich sehr darüber gefreut. Nicht weil der Spieler mit seinen fraglos vorhandenen fußballerischen Qualitäten ein großer sportlicher Gewinn für die Mannschaft war, sondern wegen der Sogwirkung, die sich aus dem Transfer ergab: Verunsicherte Spieler gewannen durch seine bloße Anwesenheit wieder neues Selbstvertrauen und leisteten demzufolge mehr, als sie ohne van der Vaart zu leisten imstande gewesen wären.

Gleichwohl kristallisierte sich in den folgenden Monaten jedoch aus heraus, dass der Spielstil van der Vaarts nicht der modernste ist; dass es für van der Vaart im Grunde kein System gibt, in das er wirklich passt, in dem er einer Mannschaft dauerhaft weiterhelfen kann – zumindest nicht beim HSV. Weil van der Vaart aber nun mal zum Kapitän ernannt wurde, schwanden die Chancen zu Beginn dieser Saison, dass sich auch eine Elf finden kann, die ohne ihn auskommt, die ohne ihn eventuell sogar schwerer auszurechnen sein könnte, die nicht nur zehn, sondern elf Männer auf dem Feld hat, die in ein bestimmtes Spielsystem passen bzw. die Ideen des Trainers umsetzen.

Diese Chance ist nun da.

In den nächsten Wochen erhält der HSV eine fast schon historische Möglichkeit. Nämlich die, zu zeigen, dass es auch ohne Rafael van der Vaart möglich ist, attraktiven und erfolgreichen Fußball zu spielen. Oder eben: gerade, weil er nicht dabei ist. Ich hätte nichts gegen eine Wachablösung – bevor der Heilsbringer zum Unheilsbringer wird. Soll Hakan Calhanoglu doch mehr Verantwortung bekommen und mehr Freistöße schießen. Soll Milan Badelj doch endgültig zum Hirn der Mannschaft avancieren. Und sollen alle anderen, die gerade hintan stehen, doch ihre Chancen auf (längere) Einsatzzeiten wittern. Zum zweiten Mal binnen weniger Jahre könnte Rafael van der Vaart nun für eine positive Sogwirkung sorgen – auch, wenn ihm diese nicht unbedingt schmecken dürfte.

Ich wünsche unserem kleinen Engel, dass er wieder gesund wird. Es muss – und ich bitte nochmal darum: nicht falsch verstehen –  nur nicht unbedingt eine Blitzheilung sein. Lass‘ Dir Zeit, Kapitän, auf dass Dein Kahn die richtige Richtung einschlage.

Denn am Ende zählt: Nur der HSV.

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2 Gedanken zu “Schmerzen als Chance.

  1. […] 5. Verletzungsschock auch für den Hamburger SV: Rafael van der Vaart, der Star aus’m Boulevard, erlitt im Länderspiel seiner Niederländer gegen Kolumbien einen Innenbandriss und fällt vier Wochen aus (fussball.de). Sven Schultze stellt sich die Frage: “Kapitän kaputt – und nu”, während Sascha Rebiger  in der Blessur des Mittelfeldregisseurs eine einmalige Chance für den HSV sieht (140+-Blog). […]

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