Ar-i-ess-pi-i-ssi-ti

„Spiel ist etwas Heiteres. Es soll Freude machen.“
Loriot

Vielleicht bin ich ja der einzige Fußball-Fan, der so denkt, und vielleicht bin ich deshalb in den Augen anderer Fußball-Fans „kein richtiger“ Fan. Das mag sein, dazu stehe ich dann. Aber: Mir passt etwas nicht, und das möchte ich nun einfach mal zur Sprache bringen.

Es geht um den Respekt, den sich Spieler und Fans gegenüberbringen. Oder eben nicht.

Ich habe schon oft überlegt, ob ich meine Gedanken darüber niederschreiben soll. Lange Zeit war ich unsicher. Dann kam der Tag, an dem der Spieler Benedikt Pliquett vom FC St. Pauli zu Sturm Graz wechselte. Pliquett ist ein für Profiverhältnisse eher mittelmäßiger Torwart, aber einer, der sich mit Leib und Seele dem FC St. Pauli verschrieen hat. So weit, so gut. Dass das früher einmal anders war, wissen die wenigsten. Dreieinhalb Jahre stand Pliquett beim großen Rivalen HSV unter Vertrag. In dieser Zeit versuchte er, in der Jugend und später in der Amateurmannschaft Fuß zu fassen. Zumindest im Herrenbereich klappte dies nicht, weshalb man sich seitens des HSV dazu entschloss, Pliquetts Vertrag irgendwann nicht zu verlängern. Über den Umweg VfB Lübeck landete Pliquett letztlich beim FC St. Pauli, wo er seine sportliche Heimat fand. In all‘ den Jahren muss sich in Pliquett irgendetwas aufgestaut haben. Die einstige Leidenschaft für den HSV wandelte sich in Hass, der sich im 16. Februar 2011 entlud. Pliquett hatte gerade seine Warhol’schen 15 Minuten Ruhm hinter sich, als er im Bundesliga-Derby HSV – FC St. Pauli alles hielt, was auf seinen Kasten kam und zum Garant des 1:0-Erfolgs seiner Mannschaft wurde. Benedikt Pliquett feierte den Triumph auf seine Weise: Mit einer Art Karatekick trat er eine der Eckfahnen, die mit der HSV-Raute beflaggt waren. Das Foto dieser Aktion ging um die Fußball-Welt (zumindest um die Hamburger Fußball-Welt) und wurde zum Symbol des St.Pauli-Sieges über den verhassten Stadtrivalen.

Als nun Pliquetts Wechsel zu Sturm Graz feststand, wurde dieses Bild einmal mehr hervorgekramt. Via Twitter, via Facebook. Und genau so falsch, wie ich die Aktion von Pliquett damals fand, empfand ich dieses Hervorkramen. Benedikt Pliquett hat in meinen Augen seine Vorbildfunktion missbraucht, die er seinerzeit innehatte – unabhängig der Tatsache, dass er vor und nach der Partie kaum mehr im Profibereich in Erscheinung getreten ist. In diesem Spiel war er dabei, und so ausgelassen seine Stimmung und so unkontrolliert die Ausschüttung seiner Glückshormone an diesem Abend auch waren: Er hätte sich im Griff haben und seinen Sieg anders auskosten müssen. Dass man den Gegner frotzelt (in dem man den Torjubel der Stürmer, die an diesem Abend zu schwach waren, um ihn zu überwinden, nachäfft), gehört dazu. Das darf sein, das war in diesem Falle sogar ganz, ganz großartig. Was meiner Meinung nach nicht sein darf, sind Gewalt verherrlichende Szenen. Gegen Eckfahnen haben schon einige Stürmer getreten, die gerade ein Tor erzielt haben. Der Tritt von Benedikt Pliquett gegen die HSV-Flagge war aber keiner der üblichen und eben beschriebenen Tritte, die im Überschwang der Gefühle passieren. Es war ein Tritt, der bewusst respektlos ausgeführt und mit einer Aussage garniert wurde: „Ich scheiße auf den HSV, der mein Talent verkannt hat.“ Aktionen wie diese haben eine gewisse Wirkung, und derer sollte sich ein Profi stets bewusst sein. Sie sorgen dafür, dass die Hemmschwellen der jugendlichen Fans sinken. Heute wird eine HSV-Flagge getreten, morgen ist es der Mitschüler, der einen HSV-Pulli trägt.

Wenn dieses (Sinn-)Bild nun hervorgekramt wird, beispielsweise an einem Tag, an dem Pliquett den Verein verlässt, dann geschieht dies als eine Art Dankeschön oder Huldigung des Torwarts. Das ist zwar aller Ehren wert, fragwürdig halte ich es dennoch. Auch hier sehe ich die Vorbildfunktion, die man als Fan (und besonders als Vater oder Mutter) gegenüber anderen, jüngeren, labileren Fans hat, teilmissbraucht.

Man möge es bitte nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, St.Pauli-Fans an den Pranger zu stellen. Sondern darum, ganz allgemein mehr gegenseitigen Respekt einzufordern.

Ich gehöre eine offenbar seltenen Spezies von Fans an: Ich konnte noch nie sonderlich viel damit anfangen, gegnerische Vereine und/oder deren Anhänger verbal zu verunglimpfen. Mir kommt ein „Vorwärts, HSV“ einfach leichter über die Lippen als ein „Scheiß St. Pauli“. Nein – ich glaube sogar, ich habe noch nie derartiges in ein Stadionrund geschrien. Ich frage mich: warum auch? Ich verstehe die Fans bis heute nicht, die ihre Energien darin ver(sch)wenden, über die Rivalen herzuziehen. Was ist daran toll? Glauben diese Fans, dass der Gegner jetzt ganz dolle aufgeregt ist und nicht mehr so gut Fußball spielt, wenn er angepöbelt wird? Glauben diese Fans, das Stadionerlebnis wird sicherer, wenn man die gegnerischen Fans aufheizt? Wie soll ich meinen Kindern beibringen, dass sie solche „schlimmen Wörter“ nicht in den Mund zu nehmen haben, wenn ich es selbst tu bzw. wenn sie es aus zwanzig- oder wievielauchimmertausend Kehlen hören? Auch nach längerem Nachdenken finde ich keinen Grund dafür.

Am Wochenende steht das Nordderby schlechthin an: HSV gegen Werder Bremen. Traditionsgemäß kochen hier die Emotionen nicht nur der Spieler, sondern auch der Fans auf den Rängen besonders hoch. Mit dem feinen Unterschied, dass die Profis vor und nach dem Spiel alle sportliche Rivaltität vergessen lassen und zu Shakehands und auch freundschaftlichen Worten bereit sind. Man kennt sich und man respektiert sich (Es gibt natürlich wenige unrühmliche Ausnahmen, siehe oben). Ist das auch auf den Rängen machbar? Nein. Aber warum nicht? Klar gehört Rivalität zum Spiel – aber wo ist der Fairplay-Gedanke geblieben, der Respekt voreinander? Da wird sich lieber bis aufs Blut gereizt, zuweilen leider im Wortsinne. Nach einem meiner letzten Stadionerlebnisse musste ich nach Schlusspfiff wenige Minuten zusammengepfercht mit anderen HSV-Fans in einem Bahnwaggon verbringen. Ein weit aufgerissenes Augenpaar starrte mich an, dessen Besitzer offensichtlich zu viel Alkohol zu sich genommen hatte. Gerade, als ich mich von seinem Blick loslösen wollte, sprach er zu mir: „Ich möchte heute noch ein Bullenschwein sterben sehen“. Auf meine kurze Nachfrage nach dem Grund dafür (warum auch immer ich das fragte und ihn nicht einfach ignorierte) sagte er, dass „die Hurensöhne mir meine Ehre genommen hätten“. Ah ja. Möchte ich, möchte irgendjemand mit solchen Typen im Stadion oder sonstwo zu tun haben? Übrigens: Das Ganze geschah nach einer Regionalligapartie, wenn auch einer brisanten. Vierte Liga! Schon jetzt scheint klar, dass vor und nach dem Spiel gegen Bremen eine Eskalation nur dank eines Großaufgebots der Polizei und vielen, vielen Ordnern verhindert werden kann. Richtigen Spaß macht das nicht mehr.

Vielleicht denke ich in zu einfachen oder zu altmodischen Dimensionen. Vielleicht tut Ihr mich auch als komischen Spinner ab, der in den Stadien dieses Landes fehl am Platz ist. Dennoch wünsche ich mir: Habt doch bitte alle wieder ein bisschen mehr Respekt voreinander. Lernt zu akzeptieren, dass es neben Eurem noch viele andere tolle Vereine gibt. Und lernt, dass auch Ihr Vorbilder seid. Für Eure Sitz- oder Stehnachbarn, für Kinder. Steht hinter Eurem Team und gebt 90 Minuten lang alles, um es zu pushen. Und sorgt dafür, dass nicht nur Ihr, sondern auch und gerade Eure Mitmenschen um Euch herum nach Schlusspfiff erhobenen Hauptes und ohne Fremdscham das Stadion verlassen und das Spiel mit seinem ganzen Drumherum unabhängig vom Ausgang als positives Erlebnis in Erinnerung behalten können.

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8 Gedanken zu “Ar-i-ess-pi-i-ssi-ti

  1. Selbstverständlich stimme ich Dir zu, was den Umgang mit dem Gegner anbelangt, auch wenn ich mich mit der gern zitierten „Vorbildfunktion“ von Sportlern mitunter schwer tue.

    Gleichzeitig glaube ich allerdings, dass Du der Fraktion derer, die mit Schmähungen der andersfarbigen Mannschaft nichts am Hut haben, unrecht tust und sie unterschätzt, mengenmäßig. Vielleicht darf ich en passant noch auf einen alten Text hinweisen, der zwar nicht in die gleiche, aber doch in eine ähnliche Kerbe schlägt, und der vor allem eine Reihe kluger Kommentare hervorgerufen hat.

    • Ich danke Dir sehr, dass Du Dich hier zu Wort gemeldet und den schönen Link beigesteuert hast. Habe ich in Sachen Vorbildfunktion übertrieben? Ich weiß es nicht. Ich empfinde es halt so. Es sind alles erwachsene Menschen, die dort unten in Trikots dem Ball nachjagen. Da darf man schon erwarten, dass sie sich entsprechend verhalten.

      Dass ich die Fraktion derer, die mit Schmähungen der andersfarbigen Mannschaft nichts am Hut haben, unterschätze, freut mich ungemein.

  2. Übertrieben? Nein. Und gerade bei der im letzten Absatz beschriebenen, der von uns allen, die wir im Stadion stehen, sitzen, hüpfen und singen, stimme ich Dir völlig zu. Bei Spielern, während des Spiels, in einer hoch emotionalen Situation, sehe ich es ein bisschen anders, bin ich vielleicht auch nachsichtiger, und würde eher nicht von einem Missbrauchen ihrer Vorbildfunktion sprechen, wenn sie beim Ausleben ihrer Rivalität zu weit gehen.

  3. Ich selbst empfinde es eigentlich genauso wie du. Obwohl dein „Scheiß St. Pauli“ ja noch harmlos klingt, wenn man weiß dass von vielen Fans Parolen wie „Tod und Hass dem BTSV“ (hier von Hannoverfans) gesungen werden. Ich persönlich freue mich immer, wenn ein Fanlager kreativ ist, um die Gegner auf die Schippe zu nehmen. Dabei denke ich gerne an diese Aktion von 96-Fans denke, nachdem die gesamte Südkurve in München einige Tage zuvor gegen Neuer mit „Kaon Neuer“-Schildern protestierte: http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00289/koan-titel_28952318.jpg
    Solche Aktionen sind aber extrem selten, wenn mich mein Eindruck nicht täuscht. Stattdessen werden solche Hassparolen gesungen, die ein friedliches Miteinander fast unmöglich machen. Ich finde diese Entwicklung traurig, da man immer mehr dazu übergeht, andere Fangruppen zu beleidigen, ohne dabei die eigene Mannschaft anzufeuern.
    Aber ich freue mich, dass es doch noch Leute gibt, die das genauso sehen. Ich dachte nämlich genau wie du, dass diese Art von Fan doch sehr sehr selten geworden ist.

  4. Sehr schöner Artikel. Beim Lesen wurde mir gerade mal wieder vor Augen geführt, warum ich nicht mehr gern ins Stadion (und vor allem nicht mehr auf die Stehplatzränge) gehe. Der Mangel an Respekt fängt schon da an, dass die „echten Fans“ die gegnerischen Torhüter und deren Mütter bei jedem Abstoß auf das Übelste beschimpfen und findet seinen Höhepunkt in Fangruppen, die sich gegenseitig mit Kot bewerfen.

    Als Nicht-Hamburger hab ich bis heute von Pliquetts Aktion gar nichts gewusst. Allerdings würde ich jetzt mal behaupten, dass der durchschnittliche Fußballprofi nicht unbedingt so weit denkt und solche Provokationen plant. Wahrscheinlich hätte er auch gegen die Fahne getreten, wenn da Winnie Puh drauf zu sehen gewesen wäre.

    Letztendlich stimme ich dir aber zu und kann ich mich den bisherigen Kommentaren nur anschließen. Du bist nicht der einzige Fan, der so denkt ;)

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