Für eine halbe Stunde Fan von 1899 Hoffenheim*

Nach der Aufstiegssaison 2008/09, in der die Hoffenheimer dank einer seansationellen Hinrunde (Stichwort: Herbstmeisterschaft) am Ende Siebter wurden, rangierten sie in den Abschlusstabellen der darauffolgenden drei Jahre jeweils auf Platz elf. Das war Jahr für Jahr sehr unbefriedigend, schließlich pumpte irgendjemand immer wieder sehr viel Geld in den Kader. Zur Saison 09/10 wurden mehr als 16 Millionen Euro investiert, ein Jahr darauf sogar mehr als 22 Millionen und 11/12 schließlich weitere fünf Millionen.

Auch vor der abgelaufenen Saison wurde kräftig investiert: Für runde 26 Millionen Euro kamen Tim Wiese, Joselu, Eren Derdiyok und im Winter nochmal David Abraham, Eugen Polanski und Afriyie Acquah, um die wichtigsten zu nennen. Wer Afriyie Acquah jetzt nicht unbedingt wichtig findet, mag in gewisser Weise Recht haben. Schließlich absolvierte der ghanaische Mittelfeldmann keine einzige Spielminute für die TSG. Dennoch hat er aber – und das macht diesen Transfer nennenswert –  2,5 Millionen Euro gekostet. Hierin sehe ich auch dass Hauptproblem Hoffenheims: Es scheint, als würde man wahllos mit dem Geld um sich schmeißen. Vielleicht, weil man es einfach hat.

Als Fan hätte ich mich aufgrund der eben genannten Sommerneuzugänge aber dennoch erstmal auf die neue Saison gefreut. Und auch aufgrund der bislang hier ungenannten: Stephan Schröck hat eine erstklassige Zweitligasaison bei der SpVgg Greuther Fürth hingelegt, Mathieu Delpierre war ein gestandener Abwehrmann vom VfB Stuttgart, beide kamen ablösefrei.

Allerdings wäre die Freude nur von kurzer Dauer gewesen. Wahrscheinlich wäre sie noch vor dem ersten Punktspiel flöten gegangen. Denn bevor die Bundesliga begann, blamierte sich Hoffenheim im DFB-Pokal. Mit einem blamablen 0:4 gegen den Weltklasseverein Berliner AK 07 verabschiedete man sich aus dem Wettbewerb. Und auch die ersten drei Bundesligapartien gingen verloren: 1:2 gegen Gladbach, 0:4 gegen Frankfurt, 3:5 gegen Freiburg. Mitten drin in der Schießbude: Torwart Tim Wiese, der von Bremen nach Sinsheim wechselte, weil er laut eigener Aussage keine Lust mehr darauf hatte in einem Team zu spielen, dass sich drei Tore im Schnitt einfängt. Tja.

Zum Chaos auf dem Platz gesellte sich das noch größere Chaos auf der Funktionärsebene. Markus Babbel, der als Trainer und Sportdirektor in Personalunion in die Saison startete, wurde im September von Andreas Müller als Manager abgelöst; am 3. Dezember wurde er auch von seiner Trainertätigkeit entbunden. Der Interimstrainer Frank Kramer war kaum erfolgreicher als Babbel, und nach zwei Niederlagen in Folge stand Hoffenheim nach dem Ende der Hinrunde auf Rang 16. Klar, dass ein neuer Trainer her musste. Marco Kurz war ab Neujahr der neue starke Mann, der aber nur wenige Monate – gemeinschaftlich mit Manager Andreas Müller – im April wieder gehen musste. Der nächste Trainer wurde Markus Gisdol, der neue „Leiter Profifußball“ wurde Alexander Rosen.

Vier Trainer, drei Manager – das konnte nur in die Hose gehen.

Das große Glück der Hoffenheimer war, am Ende der Saison auf ebenjenen Markus Gisdol zu vertrauen. Ausgerechnet auf eine Billiglösung. Das meine ich gar nicht despektierlich, sondern nur im Vergleich zu seinen Vorgängern. Dieser Billigheimer machte viel, wenn nicht alles richtig. Zeigte sich variabel in der Ausrichtung, mal 4-2-3-1, mal 4-3-3, mal 4-4-2. Setzte auf Polanski als Sechser und führte den vielen unbekannten, aber ihm seit Jahren bekannten Alexander Ludwig an das Mittelfeld heran und schenkte diesem Einsätze. Und hauchte dem Team Lebenswillen und – ja – so etwas wie Mannschaftsgeist ein. Folgerichtig sicherte sich Hoffenheim – spät, aber immerhin –  mit einem 2:1-Auswärtssieg in Dortmund am 34. Spieltag Platz 16 und setzte sich kurz darauf souverän gegen den 1. FC Kaiserslautern in der Relegation durch.

Fazit: Am Ende der Saison wäre ich nicht froh, aber erleichtert gewesen. Es gab doch noch ein „Happy End“, so dass nun ein Neustart gemacht werden kann. Mit (erstmals nach Ralf Rangnick) einem Trainer, der tatsächlich der gesuchte Deckel für den Schnellkochtopf Hoffenheim zu sein scheint. Das macht Hoffnung. Dennoch rettet es diese schlechteste Hoffenheimer Bundesligasaison nicht. Die Erwartung war, deutlich besser als in den vergangenen Jahren abzuschneiden, das Mittelfeld der Tabelle zu verlassen. Zumindest letzteres hat man geschafft…

Hinten dran noch ein Gedanke: Wäre meine kleine Serie hier kein Rückblick auf die vergangene, sondern eine Vorschau auf die kommende Saison – ich hätte Hoffenheim eine Platzierung im vorderen Mittelfeld prognostiziert. Es wird ja immer gern auf die traditionslosen Millionaros aus Sinsheim geschimpft. Davon, über andere kübelweise Häme oder Schmähungen oder sogar Beleidigungen auszuschütten, halte ich im allgemeinen aber genau: nichts. Und im Falle Hoffenheims muss ich sagen: Ich blicke in der nächsten Saison mit Neugier dorthin. Anscheinend hat man dort verstanden, dass „Geld keine Tore schießt“. Bislang wurden drei Spieler für 5,4 Millionen Euro verpflichtet, zudem stoßen neun (!) Spieler aus dem Unterbau in die Mannschaft. Das ist ein mutiger, aber verdammt guter Weg, den Hoffenheim da egeht. Ich glaube aber, dass Markus Gisdol den Laden im Griff hat und weiß, was er tut. Daher wünsche ich, auch wenn ich damit relativ allein stehe, der TSG viel Glück.

Aktuell:

1. FC Nürnberg > HSV
FC Augsburg > HSV
HSV > Borussia Mönchengladbach
Bayer Leverkusen > HSV
HSV > VfL Wolfsburg
HSV > Hannover 96
Schalke 04 > HSV
HSV > Borussia Dortmund
HSV > Fortuna Düsseldorf
HSV > SpVgg Greuther Fürth
HSV > Heiner Bremer
VfB Stuttgart > HSV
FC Bayern > HSV
HSV > 1899 Hoffenheim

Hier noch einmal die Links zu meinen bisherigen Fanstationen:
1. FC Nürnberg
Borussia Mönchengladbach
FC Augsburg
Bayer Leverkusen
VfL Wolfsburg
Hannover 96
Schalke 04
Borussia Dortmund
Fortuna Düsseldorf
SpVgg Greuther Fürth
Heiner Bremer
VfB Stuttgart
FC Bayern

(*In loser Reihenfolge frage ich mich seit ein paar und in den nächsten Wochen, ob ich als Fan jeweils eines anderen Vereins zufriedener mit dem Saisonverlauf “meines” Teams gewesen wäre.)

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15 Gedanken zu “Für eine halbe Stunde Fan von 1899 Hoffenheim*

  1. Eine schöne Reihe.
    Dennoch: Mit Deiner Begründung kann ich auch mit gespannter Neugier nach Freiburg oder auch nach Stuttgart schauen, oder vielleicht sogar nach Augsburg.
    Freiburg fasziniert sowieso: Was dieser Trainer aus den Spielern herausholt, ist sensationell, guckt Euch Max Kruse an. Ich hab den noch bei Pauli spielen sehen, der hat sich wirklich toll entwickelt. Stuttgart macht seit Jahren gute Nachwuchsarbeit, und in diesem Sommer laufen da Deals über die Bühne – da staune ich als HSVer nur: fünf Spieler ablösefrei (!) geholt, Leitner aus Dortmund geliehen, Abdellaoue für 3,5 Mio aus Hannover. Kann man so machen.

    Ich persönlich habe nichts gegen die TSG, aber ich finde ihre Tormusik grauenvoll :-)

    • Das ist sie auch, die Tormusik. Wahrscheinlich die schlechteste der Welt. Wa Deine Kritik an meiner Begründung angeht: Ich habe nicht behauptet, dass dem nicht so ist. Auch dort wird gut in diese Richtung gearbeitet, ohne Frage. In Hoffenheim ist das allerdings nach meinem Empfinden ERSTMALS der Fall. Das wollte ich herausheben.

  2. Was mich ja an den „Geld-in-den-Kader-pumpen“-Zahlen immer stört: wenn sie nicht mit den Einnahmen in ein Verhältnis gesetzt werden. Prominente Verkäufe wie Carlos Eduardo, Luiz Gustavo, Sigurdsson, Obasi, Ibisevic sorgen dafür, dass man das Geld aus eigenen, früheren, auch wirtschaftlich überaus erfolgreichen Transfers einfach selbst aufbringen kann.

    Ich bin übrigens nicht nur erleichert, sondern auch froh: Eine Saison mit dem Resultat, die große Klappe und den wahllosen Geldbeutel geschlossen und sich zurück auf den Weg begeben zu haben, ist wohl das Beste, was passieren konnte. Zudem ist eine solche Wendung einer Saison (dazu die Wendung in drei von vier Auswärtsspielen unter Gisdol: Rückstände in Wolfsburg, Bremen, Dortmund, aber keines verloren) mit das Großartigste, was ich als Fußballfan je erlebt habe.

  3. Ich habe die Begründung nicht kritisiert, sondern versuchte, den Blick darauf zu lenken, dass die TSG nicht allein mit diesem Weg ist – es mithin ein schwaches Argument für sie ist. Ich widerspreche Dir bei Deinen Beobachtungen auch nicht. Und wenn Du besonders auf die „Erstmaligkeit“ abhebst, ist es für mich deutlich verständlicher.

  4. #Tormusik: Habt ihr immer noch Scooter?

    #1899: Man muss sie nicht mögen dort in Sinnsheim bzw. das Konzept, das sie seit Jahren dort fahren.
    Aber als Fußballfan finde ich die Story um Gisdol und seine Idee im (akuten) Abstiegskampf „tabula rasa“ zu spielen und auf den jugendlichen Unterbau (in den ohne Frage natürlich auch ordentlich Asche gepumpt wurde) zu setzen, äußerst spannend. Und ich war erleichtert, als sie sich in der Relegation ggn den FCK durchgesetzt haben. Allein aus dem Grund um zu sehen, wie und ob sich diese „feel-good-story“ auch über eine gesamte Spielzeit übertragen lässt. Oder war es nur das oft zitierte „Momentum“, das sich nach den ganzen o.g. Comebacks Richtung Hoffenheim orientierte.

  5. Nicht zwingend. Beides sehr überschaubar. Verstehe bis heute nicht, warum ihr Coldplay abgeschafft habt.

    • Ich verstehe wiederum nicht, warum wir die personalisierten Tormelodien abgeschafft haben, die wir mal hatten. Jeder Spieler hatte sein eigenes Lied. Das fand ich gut, das hatte etwas. Danach kam Coldplay.

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