Für eine halbe Stunde Fan des VfB Stuttgart*

Kann ich, wenn ich an den VfB Stuttgart denke, überhaupt unvoreingenommen darüber sinnieren, ob ich als Fan dieses Vereins zufriedener mit der Saison gewesen wäre als als Fan des HSV? Immerhin schwingt dort Bruno Labbadia das Trainerzepter. Ja, ich kann. Denn wenn ich Stuttgart-Fan gewesen wäre, wäre es mir schließlich egal gewesen, was er in Hamburg angestellt hätte und wie sein Ruf dort ist.

Labbadia spielt in meinen Überlegungen letztlich aber sowieso nur eine untergeordnete Rolle.

Zunächst hätte ich mich sehr über die Veränderungen im Kader gefreut: Zwar verließ unter anderem mit Mathieu Delpierre ein mir sehr sympathischer Mensch den Verein, und das auch noch nach Hoffenheim. Es gingen aber auch Khalid Boulahrouz, der seinen Zenit schon vor Jahren überschritten hatte und Timo Gebhart, der zwar außerst talentiert ist, jedoch zu häufig verletzt war. Dafür rückten mit Andre Weis, Raphael Holzhauser, Antonio Rüdiger und Kevin Stöger gleich vier Spieler aus dem eigenen Unterbau in den Profikader. Dazu Rückkehrer Daniel Didavi, der schwerverletzungsbedingt kaum spielte, was man aber freilich nicht wissen konnte. Im Winter ein ähnliches Bild: Maza und Kuzmanovic – teuer und nie ganz überzeugend – gingen ins Ausland, Benedikt Röcker und Rani Khedira kamen aus der U23. Bis auf Khedira und Torwart Weis wurden – und das halte ich Coach Bruno sehr zu Gute, alle Youngster eingesetzt. Ich habe es nicht im Hinterkopf, glaube aber, dass in keinem anderen Bundesligaverein in dieser Saison sechs Spieler aus dem Nachwuchs hochgezogen wurden und zwei Drittel davon spielen durften. Respekt.

Respekt auch für den Kauf von Alexandru Maxim. Wie viele Scouts und Sportdirektoren haben sich bei Pandurii Targu Jiu umgesehen? Eben. Hätten sie es mal gemacht. Maxim ist in meinen Augen ein Rohdiamant, der in Ansätzen schon gezeigt hat, was in ihm steckt. Ich bin gespannt, wohin sein Weg führen wird.

Trotzdem lief natürlich nicht alles rund. Nach den Plätzen sechs, zwölf und sechs in den vergangenen drei Jahren hätte ich mir als Fan mehr erhofft als einen erneuten zwölften Rang. Nach unten waren’s zwölf Punkte Vorsprung, zu einem „internationalen Rang“ acht Zähler – tiefer drin im Niemandsland der Tabelle kann man kaum stecken. Und doch hätte mich der Saisonausgang auf dem letzten Platz des mittleren Tableaudrittels nicht weiter gestört, und zwar aus drei Gründen:

1) Weil es eben nun mal bei einem Miniaturumbruch wie diesem so ist, dass nicht jedes Spiel gewonnen werden kann. Die Jungspunde zahlten ein ums andere Mal Lehrgeld, gewannen dabei aber immerhin an Erfahrung, von der sie und der Rest des Vereins in der kommenden Saison profitieren werden. Trotzdem schaffte es der VfB, einen beträchtlichen Abstand zu den Abstiegsplätzen zu schaffen, so dass die „Jungen Wilden“ problemlos weiter eingesetzt werden konnten.

2) Die Teilnahme an der Europa League. Es war nicht das ganz große Kino, was uns Fans da geboten wurde. Ein 2:2 gegen Steaua Bukarest, ein 0:0 gegen den FC Kopenhagen, ein 0:1 gegen Molde FK, schließlich das 1:1 gegen den KRC Genk und die 0:2-Pleite gegen Lazio – daheim ist man nicht wirklich verwöhnt worden auf der internationalen Fußballbühne. Aber: Der VfB war immerhin dabei. Das hätte mir als Fußballromantiker, dem es erst in zweiter Linie darauf ankommt, ob sich solche Spiele bzw. der Wettbewerb als solcher rechnen/rechnet, zunächst mal gereicht.

3) Der DFB-Pokal-Erfolg. Gibt es etwas besseres, als gänzlich vom Druck befreit in ein DFB-Pokalfinale zu gehen? Die Teilnahme an der Europa League war mit dem Sieg im Halbfinale gesichert, zudem „musste“ der FC Bayern siegen – alles andere wäre für ihn blamabel gewesen. Demzufolge konnte es der VfB – bei allem Ehrgeiz – locker angehen lassen. Ich glaube, dass dies ein Hauptgrund dafür gewesen ist, dass es eben keine Klatsche, sondern nur eine knappe 2:3-Niederlage gab. Wenngelich es zwischenzeitlich nach einer klaren Sache aussah. Natürlich möchte man Titel gewinnen, als Spieler wie als Fan. Letztlich überwog aber die schon seit dem Schlusspfiff des Halbfinals bestehende Freude über das Erreichte. Der einzige, der mich an diesem Pokalfinalabend genervt hatte, war unser Problembär Bruno. Er ließ vor und nach dem Spiel jegliche Souveränität vermissen und tat sich und dem Verein mit seinen Auftritten im Fernsehstudio keinen Gefallen. Letztlich war dies aber nur eine Randnotiz.

Fazit: Ja, ich wäre zufriedener gewesen als beim HSV. Auftritte auf der internationalen Bühne, regelmäßige dazu. Youngster, die immer wieder eingesetzt werden neben charismatischen und torhungrigen Spielern wie Martin Harnik und Vedad Ibisevic. Da hätte ich nichts zu meckern gehabt.

Aktuell:
1. FC Nürnberg > HSV
FC Augsburg > HSV
HSV > Borussia Mönchengladbach
Bayer Leverkusen > HSV
HSV > VfL Wolfsburg
HSV > Hannover 96
Schalke 04 > HSV
HSV > Borussia Dortmund
HSV > Fortuna Düsseldorf
HSV > SpVgg Greuther Fürth
HSV > Heiner Bremer
VfB Stuttgart > HSV

Hier noch einmal die Links zu meinen bisherigen Fanstationen:
1. FC Nürnberg
Borussia Mönchengladbach
FC Augsburg
Bayer Leverkusen
VfL Wolfsburg
Hannover 96
Schalke 04
Borussia Dortmund
Fortuna Düsseldorf
SpVgg Greuther Fürth
Heiner Bremer

(*In loser Reihenfolge frage ich mich seit ein paar und in den nächsten Wochen, ob ich als Fan jeweils eines anderen Vereins zufriedener mit dem Saisonverlauf “meines” Teams gewesen wäre.)

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17 Gedanken zu “Für eine halbe Stunde Fan des VfB Stuttgart*

  1. Deine Einschaetzung des VfB finde ich sehr nachvollziehbar, dennoch wirkt sie nahezu kontraer zu dem, was man von aussen als Stimmung der VfB-Fans wahrnimmt.

    Aaaber du schreibst: „Ich habe es nicht im Hinterkopf, glaube aber, dass in keinem anderen Bundesligaverein in dieser Saison sechs Spieler aus dem Nachwuchs hochgezogen wurden und zwei Drittel davon spielen durften. Respekt.“ Ich bitte zu beachten:

    Mit Einsatz: Koen Casteels, Niklas Suele (spielberechtigt in der U19), Patrick Schorr (spielberechtigt in der U19), Robin Szarka, Andreas Ludwig, Vincenzo Grifo, Stefan Thesker, Pelle Jensen (spielberechtigt in der U19)

    Ohne Einsatz: Jens Grahl, Jeremy Toljan (spielberechtigt in der U19), Ahmed Sassi, Michael Gregoritsch (spielberechtigt in der U19)

  2. Ich stimme julian ausdrücklich zu:

    „Deine Einschaetzung des VfB finde ich sehr nachvollziehbar, dennoch wirkt sie nahezu kontraer zu dem, was man von aussen als Stimmung der VfB-Fans wahrnimmt.“

    Und bin selbst, auch wenn ich Deine Außensicht gut verstehe, ziemlich unzufrieden.

    • Ich gebe zu: Ich habe mich bei Julian schon ein wenig über diese Aussage gewundert. Wenn die Einschätzung nachvollziehbar ist, wie kann sie dann gleichzeitig konträr zu dem sein, was man von außen wahrnimmt? Und: Wo ist in Deinem Falle „außen“? Du als Stuttgart-Anhänger müsstest doch „innen“ sein. Oder übersehe ich da etwas grundsätzliches?

      Deinen Schlusssatz verstehe ich hingegen ganz wunderbar und finde das schade. Aber Du hast eben eine ganz andere Sicht als ein 30-Minuten-Fan.

  3. Ich habe julian so interpretiert, dass es zwei Außensichten gibt:
    zum einen Deine Außensicht auf den VfB (die er nachvollziehen kann, die vielleicht auch seine ist).
    Zum anderen hat er aber auch eine Außensicht auf die VfB-Anhänger. Und von außen erwecken diese den Eindruck, dass ihre „Innensicht“ (?) auf den VfB keine sehr positive ist, also im Widerspruch zu Eurer Außensicht steht. Was ich für meinen Fall bestätigen kann. Ohne sagen zu wollen, ich sei innen.

    • Ah, ok: zwei Außensichten. So verstünde ich es auch.
      Auch, wenn Du es nicht sagen möchtest: Du bist zumindest eher innen als außen.

      Was ich generell mal loswerden will (vielleicht hier an dieser Stelle unpassend, weil als Anhängsal an eine Antwort, aber egal): Das Beste an dieser meinen Serie sind nicht meine Beiträge, sondern die Diskussionen, die sich daraus ergeben. Teils Tage später. Heute nach um 2.30 Uhr ereiferte sich ein BVB-Fan über meine Worte. So etwas finde ich ganz großartig. Hätte ich nicht mit gerechnet. Auch die Besucherzahlen finde ich sehr ansprechend. Alles in allem: ein schöner Spaß, den ich mir da ausgedacht habe. :-)

    • Verzeiht die knappen Worte, ich hatte nicht vor, hier intepretiert werden zu müssen. Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt…

      Herr Kamke hat das ganz richtig präzisiert.

      • Das macht doch nichts. Und ich befürchte, es lag nicht an Dir, sondern an mir. Wie auch immer: Gut, dass es den Kamke gibt.

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