Intermezzo: David Jarolim

Eigentlich blogge ich derzeit ja gerade darüber, wie es wäre, wenn ich in der abgelaufenen Saison Fan eines anderen Vereins und nicht des HSV gewesen wäre. Nun aber ergibt es sich, dass ich von diesem Plan abweichen muss.

Der Grund ist ein kürzlich aus meiner Timeline ausgesandter Tweet mit der Verlinkung auf einen Text, der darauf abzielte, dass David Jarolim es am liebsten hätte, würde er ab der kommenden Saison Stand-by-Spieler des HSV sein – und zwar sowohl für die Bundesligamannschaft als auch für die U23. Während einige der durchaus von mir geschätzen HSV-Fans meiner Timeline Jarolim abfeierten, entgegnete ich, dass wenn ich meine Meinung zu ihm kundtun würde, ich wohl bei Teilen meiner Timeline „untendurch“ wäre. Da mir aber versichert wurde, dass auch Menschen mit falscher Meinung toleriert würden, lasse ich nun ein paar Zeilen über David Jarolim los.

Als Jaro zur Saison 2003/04 zum HSV wechselte, habe ich ihn erstmal gar nicht richtig wahrgenommen, schließlich war er nur einer von vielen. Stefan Beinlich und Alex Meier kamen beispielsweise auch, die für mich erstmal im Fokus standen. Unabhängig davon avancierte Jarolim sofort zum Stammspieler und war lange Zeit nicht aus dem defensiven Mittelfeld des HSV wegzudenken. Im Laufe der Jahre erwarb er sich wegen seines Laufpensums, seines Einsatzwillens und seiner Ballsicherheit meinen Respekt. Zeitweilig fand ich es sogar irgendwie cool, dass es ein Spieler mit solch limitierten Fähigkeiten – und nichts anderes ist Jarolim gewesen, denn er verfügte weder über die Möglichkeit, überraschende oder sogar tödliche Pässe zu schlagen, noch über ein hohes Maß an Torgefährlichkeit, noch war er in der Auffassungsgabe und in der Bewegung als solcher sonderlich schnell – sogar bis zum Kapitän schafft.

Als klar wurde, dass es beim HSV nicht mehr für die erst Elf reicht und Jarolim gehen musste, habe ich stehend applaudiert. Ihm. Denn wie gesagt: Er hatte sich über die Jahre meinen Respekt erarbeitet.

Ein kleines Stückchen dieses Applauses gab ich aber auch aufgrund der Tatsache, dass es endlich Zeit für die Verabschiedung war. Nach meinem Empfinden war die Art, wie Jarolim Fußball zu spielen pflegte, antiquiert und passte nicht mehr in den „modernen“ Fußball. (Über seine Fallsucht verliere ich nur diese wenigen Worte: Ich bleibe dabei, dass Jarolim vor jedem bzw. fast ausnahmslos jedem seiner Abflüge gefoult wurde. Man kann sich darüber streiten, ob man dem jeweiligen Schiri nun stets auf diese Weise mitteilen muss, dass der Widerpart soeben ein Foulspiel begangen hat. Dennoch lehne ich mich gegen die „Experten“ auf, die auch Jahre später noch von „Schwalben“ sprechen. Ich glaube, dass man nur von einer Schwalbe sprechen sollte, wenn kein Foulspiel vorausgegangen ist. Jarolim wurde aber, wie erwähnt, immer – oder wenigstens in 95% der Fälle – gefoult. Und das meine ich ernst.) Spätestens mit der Umstellung auf die berühmte Doppelsechs und den damit verbundenen taktischen Veränderungen war für einen Staubsauger der alten Schule wie Jarolim kein Platz mehr.

Wenn ich nun lese, dass er sich vorstellen könne, als Stand-by-Spieler zu fungieren, wird mir angst und bange. Und zwar bei der Vorstellung, dass sich die HSV-Verantwortlichen aufgrund fehlender Gelder auf der Suche nach einer günstigen Lösung tatsächlich mit dem Gedanken befassen sollten, Jarolim für ebendiesen Zweck zurückzuholen. Für mich wäre es ein Rückfall in glücklicherweise vergangene Zeiten, abgesehen davon, dass es einmal mehr kein besonderes gutes Licht werfen würde. Weder auf den HSV als solchen (man stelle sich nur mal vor, wie er dafür wochenlang in der Presse zerfleischt würde), noch auf die Jugend- bzw. Nachwuchsarbeit (sind denn keine Spieler da, die man bei aufkommender Personalnot auf diesen Posten setzen könnte?), noch auf sämtliche Verantwortliche (Wo ist das Scouting? Was macht der Sportdirektor beruflich?).

Ich schätze David Jarolim für seine Einstellung zum Sport und insbesondere zum HSV sehr. Aber kann es sein, dass er ein bisschen an der Zeit vorbeilebt? Glaubt er wirklich, er könne dem HSV noch helfen? Ich glaube das nicht. Zumindest nicht, was die Bundesligamannschaft betrifft. Er hebt sich nicht nur nicht von seiner potenziellen Konkurrenz auf diesem Posten ab, er steht meiner Meinung nach meilenweit dahinter. Wir haben Badelj, Rincon, Jiracek, sogar Kacar und Arslan. Tesche kommt zurück. Was wollen wir mit Jarolim? All‘ diese Spieler sehe ich vor ihm. Auch wenn wir es schaffen sollten, einen oder zwei dieser Herren zu verkaufen: Es wären immer noch genug Spieler vor Jaro. Ich würde mich freuen, wenn er bald wieder zurückkommt, um dem Nachwuchs seine Werte zu vermitteln – von seiner Spielphilosophie mögen sie sich bitte so wenig wie möglich abschauen.

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6 Gedanken zu “Intermezzo: David Jarolim

  1. Ganz ehrlich: Ich glaube auch nicht, dass in der ersten Mannschaft Platz für DAVID JAROLIM SCHALALALALA ist. Es sei denn, es findet sich ein Abnehmer für Rincon, und wir brauchen in einzelnen Partien in der Schlussphase ein Kampfschwein. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass unsere U23 von Jarolim profitieren könnte, weil er trotz (oder gerade wegen) seines Spiels Ruhe reinbringen kann. Gleichzeitig kann er für seinen Trainerschein lernen und, da Cardoso ja wohl wegen des Lehrgangs für die A-Lizenz einige Fehlzeiten haben wird, das Trainerteam unterstützen. Für mich klingt das nach Win-Win.

  2. Jarolim? Jederzeit!
    Standbyspieler für die Zweite und gleichzeitig Jugendtrainer!
    Jaro hat viel erlebt und vorgelebt und daher wohl auch weiterzugeben.
    Wenn er denn nur seine Arbeitsauffassung weitergeben kann, ist er für den Verein schon unbezahlbar.

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